Christoph - 1. Teil

Christoph

Christoph war als Einzelkind aufgewachsen. Sein älterer Bruder Ronald starb im Alter von nur drei Monaten an plötzlichem Kindstod, wie es medizinisch heißt. Als er zwei Jahre später zur Welt kam, wurde er von Eltern und Groß-eltern zwar maßlos verwöhnt, aber emotionale Zuwendung erlebte er fast nicht. Dazu kam, dass sein Vater wegen seiner zahlreichen Verpflichtungen so gut wie nie zu Hause war und seine Mutter ständig in höheren Sphären schwebte und sich um ihren Sohn nicht kümmerte.

Seine einzige Bezugsperson war Anna Adomeit, die Haushälterin der Familie und gleichzeitig Christophs Ersatzmutter. Anna war als Spätaussiedlerin mit ihren Eltern Anfang der Siebziger aus einem Dorf in der Nähe von Elbl?g, dem ehemaligen Elbing, im Ruhrgebiet gelandet und hatte ihren breiten ostpreußischen Dialekt bis heute beibehalten. Für Christoph war sie so etwas wie eine Ersatzmutter, die ihn nach einem Streit mit den Klassenkameraden tröstete oder ihn verband, wenn er sich mal wieder am Knie verletzt hatte. Anna war einfach immer für ihn da im Gegensatz zu seinen Eltern. Er war ihr kläiner Lorbaß, dem sie die Tränchen abtupfte und der sich an ihrer schweren und fülligen Brust ausweinen konnte.

Sein Vater, Dr. Hans-Jürgen Rademacher, Seniorpartner einer großen Anwaltssozietät in Dortmund, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Minderheitsfraktion im Dortmunder Stadtrat, Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchhörde im noblen Dortmunder Süden war stockkonservativ und ein maßloser Egoist. Seine Mutter Jutta hielt sich für eine Künstlerin, besuchte jede Vernissage zwischen Düsseldorf und Dortmund, war Mitglied in einem Esoterik-Zirkel und vor allem eine dieser unsäglichen Charity-Ladys.

Nach dem Abi gönnten seine Eltern ihrem Sprössling einen halbjährigen USA-Aufenthalt vor dem geplanten Jurastudium.

*

Christoph wusste spätestens mit sechzehn, dass er schwul ist, hatte sich aber während seiner gesamten Schulzeit nicht getraut, eine Beziehung aufzubauen. Der Grund dafür war pure Angst, Angst davor, entdeckt zu werden und vor allem Angst vor seinem Vater, einem bekennenden Schwulenhasser. Sich Abend für Abend einen von der Palme zu schütteln, war das Einzige, was er sich gönnte, abgesehen von den Parisern, um die verräterischen Sportflecken in der Bettwäsche zu vermeiden.

Zwischen dem schriftlichen und dem mündlichen Abi fand kein regelmäßiger Schulunterricht mehr statt. Da er vor den zu erwartenden mündlichen
Prüfungen keine Angst hatte, vertrödelte er diese Zeit regelrecht. Meist hielt er sich dabei in der Dortmunder Innenstadt auf. Als Besitzer eines Rechners wusste er längst, dass sich nördlich des Hauptbahnhofs ein Gay-Kino befand. Wie ein Kater hinter einer rolligen Katze war er bereits mehrmals um das Kinogebäude gestrichen bis er sich endlich traute, es zu betreten. Es war noch früher Nachmittag und er zunächst der einzige Zuschauer in dem kleinen, schummrig beleuchteten Kino. Nach kurzer Zeit nahm ein großer Mann, dessen Alter er bei der unzureichenden Beleuchtung nicht genau einschätzen konnte, in seiner Reihe Platz. Es dauerte nicht lange bis der Mann direkt neben ihm saß.

„Hömma, Kollege“, fragte der Unbekannte und stieß Christoph mit seinem Ellenbogen an, „hasse Lust?“

Christoph erschrak. „J-ja, sch-schon“, stotterte er. „Bis wohl dat easte Mal hier, wat?“ „Ja!“

Ehe er sich versah, rückte der Nachbar ihm immer näher auf die Pelle, knetete seinen linken Oberschenkel und begann gleichzeitig, an Christophs Reiß-verschluss zu fummeln. In diesem Augenblick begann bei Christoph das Kopf-kino zu rattern. Die Bilder, die er bei seinen allabendlichen Handarbeiten an und für sich aus den Tiefen seines Gehirns abrief, drängten jetzt am Tage von selbst in sein Bewusstsein. Sie machten ihn scharf und geil. Er lehnte sich in dem Kinositz zurück, versuchte, sich zu entspannen und nahm sich vor, alles, aber auch alles auf sich zukommen zu lassen. Zur Not, dachte er sich, hätte er ja laut um Hilfe rufen können. Der sexuell unerfahrene Abiturient spürte nicht nur auf einmal seinen eigenen Herzschlag tief im Hals, sondern auch wie sein bestes Stück allmählich anschwoll. In seinen Jeans wurde es zunehmend eng.

„Boah ey, Mann, has du abban geilen Hamma!“ bemerkte seine Zufallsbekannt-schaft anerkennend, als er Christophs Prachtstück aus der textilen Verpackung befreit hatte und anfing, es langsam zu massieren. Christoph antwortete mit einem leisen Stöhnen.

„Dat gefällt dir wohl, watt? Ich bin übberigenz der Manni vom Borsigplatz. Von wo kommsse denn wech? Samma, hasse auchen Namen?“ Manni ließ voll den Proll aus dem Dortmunder Norden raushängen. Für Christoph war dies eine völlig neue Erfahrung, auf die er sich bewusst einließ, zumal ihn Manni trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Prolligkeit zunehmend antörnte.

„Ich bin der Chris, von Hörde, vom Remberg“, flunkerte Christoph, der keine Lust hatte, sich ausfragen zu lassen.

„Is ja auch egal, von wo de wechkomms. Ich steh auf die Knackigen und Drahtigen, besonders wennse son töften Riemen ham wie du“, entgegnete Manni und leckte genüsslich seine Lippen. „Brauchs abba keine Angst zu ham, dattse uns hier störn tun. Ich kenn den Schuppen, getz is hier tote Hose. Un
wehtun, dat tu ich dich aunich, woll!“ Er grinste breit.

„Lass jucken, Kumpel!“ fuhr er fort, erhob sich von seinem Sitz und ging vor Christoph auf die Knie, schob seine beiden Pranken unter Chris' Hintern und zog ihm mit einem Ruck Jeans und Boxer herunter.

„Hier isset so duster wie im Negerarsch, aber Fühlen und Schmecken geht auch im Dustern, woll, Chris?“ Manni lachte leise.

Christoph antwortete nicht. Er räkelte sich in dem Kinositz hin und her und stöhnte vor sich hin. Durch Mannis Schwanzmassage produzierte sein Samen-spender mehr und mehr Vorsaft, so dass sein Stab immer leichter durch Mannis Hand flutschte. Die dadurch entstehenden Schmatzgeräusche törnten beide an.

„Mannomann, dat macht mich abba voll an, wennze so am stöhnen anfangen tus. Du hass sowat von Druck aufe Tüte, boah! Ich merk dat schon an die Suppe, die bei dich am rausfließen is.“ Manni hielt kurz seine Klappe, machte aber mit seiner routinierten Handarbeit weiter.
„Ich kann sowat von blasen“, fuhr er fort, „ich sachet dich. Wenn Onkel Manni dich einen bläst, dann hörsse im Himmel die Engelkes pfeifen, dat schwör ich dich nackend inne Hant. Na, wattis? Lässe dich von mich ein blasen?“
„Komm, mach!“ Christoph bettelte regelrecht.

Manni ließ sich das nicht zweimal sagen und platzierte virtuos Chris' Flöte zwischen seinen Fingern. Trotz seines prolligen Gehabes spielte er gekonnt das Instrument wie ein Profi. Erst leckte er zart den Schlitz, dann umfuhr seine Zungenspitze fast zärtlich die Kranzfurche, um danach die Eichel regelrecht auszulutschen.

„Oooh, ich werd' verrückt“, stöhnte Chris und wand sich wie ein Aal auf seinem Kinositz. Von Manni war nur ein Brummen zu hören. Plötzlich entließ Manni Chris' Schwanz mit einem Plopp in die Freiheit.

„Rutsch en bissken nach vorne, Chris“, sagte er, „wennze willz, dat ich dich auch deine Klöten massieren tu. Und wennet dir am kommen is, dann lasset einfach laufen. Et geht ehm nix übern orntlichen Schluck ausse Pulle.“ Er lachte rau und kehlig.

Manni senkte seinen Kopf in Richtung Chris' Kronjuwelen und hatte bald dessen Musikinstrument bis zum Anschlag in seiner Mundhöhle. Durch sein Lutschen und Saugen schickte er den Juristenspross in den höchsten aller Himmel der Lust und Geilheit. Als Manni zusätzlich begann, Chris' Bälle leicht zu quetschen, gab dieser immer lauter werdende unartikulierte Grunz- und Stöhnlaute von sich.

„Ich kaa-kann ni-nicht mehr! Ich glaube, ich ko-ko-kooomme!“ hörte Christoph sich selbst laut schreien als sein erster Schuss in Mannis warmer Mundhöhle landete. Anstatt sich zurückzuziehen, fing Manni an wie wie wild zu saugen und zu schlucken.

Christoph hatte seinem Verstand Urlaub gegeben. Er war nur noch ein Bündel aus geilem Verlangen und Lust, das seinen Saft in Manni pumpte. Und Manni schluckte seine Sahne bis zum letzten Tropfen.

„Mannomann, war dat lecker!“ Manni wischte sich mit dem Handrücken seine Lippen ab. „Dat war wirklich son richtigen Schluck ausse Pulle“, war sein Kommentar. „Wat is dat denn?“, fuhr er fort, „dein Schwänzken is ja schon wieder am wachsen. Samma, willze nomma?“ fragte er lüstern.

Tatsächlich, der kleine Chris wurde rasch wieder größer. Manni war gerade dabei, Chris' Schwanz erneut in den Mund zu nehmen, als plötzlich mehrere Männer das Kino betraten und sich lautstark unterhielten.

„Wat sehn denn meine entzündeten Augen da hinten? Zwei Schwuchteln, die sich ...“ hörte Manni, der blitzartig die Situation erfasste. „Zieh die Buxen hoch!“ bellte er Chris an. „Abba nix wie wech!“

Noch bevor die vier Kerle sie erreichen konnten, waren Manni und Christoph durch einen zweiten Ausgang in der Nähe aus dem Kinosaal verschwunden. Im Foyer des Kinos fühlten sie sich jedenfalls etwas sicherer.

„Komm, wir machen die Biege“, sagte Manni und zog Christoph an seiner Jacke aus dem Kino. „Kannze rennen?“

Natürlich konnte Christoph rennen. Er hielt sich an Manni und nach einem fünf-minütigen Sprint landeten beide auf dem Bahnhofsvorplatz, wo sie in der Menschenmenge untertauchten.

„Dat war vadammt knapp, Kollege!“ sagte Manni lachend. „Manno, ich hab gezz abban Brand wie 'ne Piele. Lust aufen Pilzken?“

Chris japste noch nach Luft. „Ja, 'n Bier wär jetzt nicht schlecht“, krächzte er.

„Komm, wir gehen inne 'Hopfendolde'. Is nich weit wech von hier“, schlug Manni vor.

Die Kneipe war ordentlich und gepflegt. Sie hatten kaum Platz genommen, als sie den Ober hörten: „Die Herren wünschen?“

„Ja, watt wohl, Herr Direkter? Zwei Durchezapfte bitte“, bestellte Manni. „Nee“, verbesserte er sich, „bringse ma gleich für jeden zwei.“

Das erste Bier zischte nur so bei beiden. Manni wischte sich genüsslich den Schaum von den Lippen. „Ich würd ja getz gern eine quarzen, aber dat is ja inne Kneipen neuadingens vaboten. Rauchse? Sach ma, wie heiße eigntlich noch? Chris oder so?“

„Ja, ich heiße Chris und geraucht habe ich noch nie.“

„Is ja auch egal. Getz sehn wir uns endlich mal im Hellen. Dat muss ich dich lassen, Chris. Du bisten richtig lecker Kerlchen. Samma, bisse eigntlich schon achtzehn?“

„Keine Bange, Manni, ich werde in ein paar Monaten neunzehn. Alles paletti, du weißt schon!“ Chris grinste.

Beide musterten sich schweigend. Manni war gut einen Kopf größer als Christoph, muskulös und machte einen durchtrainierten Eindruck. Er hatte ein offenes fröhliches Gesicht und auf dem Kopf einen Kurzhaarschnitt neuester Mode.

„Sag mal, Manni, was waren denn das für Kerle eben?“

„Dat weiße nich? Olle Sausäcke warn dat. Hasse nicht die Glatzen gesehn? Schwulenklatscher warn dat. Ich happ orntlich wat inne Muckis, aber gegen vier? Nä, da verpiss ich mich bessa, abba sowat von schnell.“
„Gut, dass du das gemerkt hast.“

„Jau, ich happ nich nur Muckis, sondern auch wat inne Birne. Son ganz Be-scheuerten bin ich ja donnich.“ Manni tippte sich stolz mit dem rechten Zeige-finger an den Kopf.

„Hömma, Chris, ich muss gezz nachm Borsigplatz. Mein Freund is da schon am warten. Der kommt immer dienstachs bei mich und ich tu ihn mit Schmackes durchnageln. Der brauch dat eemt. Happ ja auch eemt Kraft getankt.“ Manni lachte und strich sich leicht über seine Lippen. „Wennze Lust hass“, fuhr er fort, „kannze ja nochmal im Kinno kommen. Bin oft um die Zeit da. Und dann gehen wir bei Manni auffe Bude und lassen et so richtig krachen. Weiße, so mit alles!“ Manni grinste und stand auf.

„Tüsskes, Chris! Mach dich einen!

„Okay. Man sieht sich!“

Beide verabschiedeten sich mit einem Handschlag. Chris nahm nicht den Weg zur nächsten U-Bahn-Station, sondern schlenderte langsam durch die Innen-stadt Richtung Stadthaus und ließ die letzte Stunde nochmal Revue passieren.

Eigentlich hatte er sich ja nur einen Porno-Streifen reinziehen wollen, aber
dann war die Eskapade mit Manni dazwischen gekommen. Manni hatte ihm einen geblasen, und der war nicht von schlechten Eltern. Allein beim Gedanken daran machte Klein-Christoph wieder Sperenzchen in seinem Textil. Selbst wenn er sich Abend für Abend selbst abschoss, hatte er dabei noch nie die Kontrolle über sich verloren. Mit Manni war das anders. Er hatte seinen Verstand offensichtlich an der Garderobe abgegeben und hätte weiß Gott was mit sich machen lassen, wenn die vier Typen sie nicht gestört hätten. Sein ungezügelter Trieb hatte ihn vollständig beherrscht. Er hatte das nicht nur zugelassen, sondern dieses Sich-Gehenlassen regelrecht genossen. Aber je mehr er darüber nachdachte, um so unheimlicher wurde es ihm, diesen Teil seines Wesens nicht kontrollieren zu können. Es war ihm zwar unheimlich, aber nicht peinlich. Trotzdem stand eines für ihn fest: Ein zweites Mal mit Manni würde es nicht geben.

Diese Gedanken kreisten in seinem Kopf, als er in die S-Bahn stieg, mecha-nisch an der Möllerbrücke in die U-Bahn Richtung Hombruch umstieg, um in Barop den 447er nach Kirchhörde zu nehmen.

Zu Hause wurde er nicht vermisst. Seine Eltern waren wie üblich abwesend. Lediglich Anna, seine Anna, empfing ihn: „Na, mäijn Jungche, siehst ja richtig verjnurpelt aus. Ist was passiert?“

„Nein, Anna, mir geht’s gut. Ich hab nur einen wahnsinnigen Hunger.“
„Nu, hab ich mir jläich jedacht. Ich hab dir schon ein paar Schnittchen jeschmiert. Nu iss erst mal.“

Nach dem Essen fühlte er sich müde und ausgepumpt. Er ging in sein Zimmer, duschte kurz und wollte einschlafen. Wieder gingen ihm die Bilder des Tages durch den Kopf und wieder wurde er geil. Erst nachdem er seine animalischen Triebe genussvoll mit einem langen Flötensolo befriedigt hatte, schlief er ein. Er schlief fest und traumlos.

*

Am nächsten Morgen fühlte er sich entspannt wie nie zuvor. Allmählich wurde ihm bewusst, dass er am Vortag eine Schwelle überschritten hatte. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben Sex mit einem Mann. Na ja, kein Sex mit allem Drum und Dran, mit beides würde man es im Ruhrdeutsch nennen. Wenn er nur daran dachte, mit welcher Inbrunst Manni ihm einen geblasen hatte, spürte er ein Kribbeln zwischen den beiden großen Zehen.

Gegen drei Uhr nachmittags klingelte es an der Haustür. Sein Freund Jan wollte ihn zum Training abholen.

„Gut, dass du kommst, Jan“, begrüßte Christoph seinen Freund. „Ich hätt doch glatt vergessen, dass heute Training ist.“

„Du vergisst doch sonst nix, Chris. Hör mal, du wirkst irgendwie lockerer als sonst. Und außerdem deine glänzenden Augen? Sag mal, war was?“ fragte Jan neugierig.

„Nix war, Jänneken! Was soll schon gewesen sein außer tote Hose.“ antwortete Jan etwas angefressen. Er hasste es, ausgefragt zu werden.

„Okay, okay. Ist ja schon gut. Du kannst mir erzählen, was du willst, aber irgendwie bist du heute anders als sonst.“ Chris schwieg. Beide machten sich auf den Weg zum Training.

Jan Weigand hatte er in der Zwölf im Englisch-LK kennengelernt und sich bald mit ihm angefreundet. Jan war der erste und blieb auch einzige Freund während Christophs Schulzeit. Beide waren sie junge, gutaussehende Männer. Dass sich Jan manchmal in Chris' geile Träume schlich, wurde von Chris zwar registriert, aber weitere Gedanken daran sofort unterdrückt. Chris konnte nicht wissen, dass es Jan ähnlich erging.

Auf Jans Veranlassung war Christoph einem der Dortmunder Karateclubs beigetreten. Er hatte dies nicht nur Jan zuliebe getan, sondern vor allem, um sich selbst zu disziplinieren. Als Karateka zum Zeitpunkt seines Abiturs trug Christoph bereits den braunen Gürtel des 3. Ky?, Jan schon den schwarzen des 1. Dan. Die intensive Beschäftigung mit diesem japanischen Kampfsport machte ihn nicht nur körperlich enorm leistungsfähig, sondern vermittelte ihm durch die gleichzeitige Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus eine bislang unbekannte mentale Stärke.

Sein Problem bestand nicht darin, schwul zu sein, sondern nicht den Mut zu haben, sich einem anderen Menschen zu öffnen. Die Eltern um Rat fragen? Völlig ausgeschlossen. Aus Angst, die Freundschaft mit Jan aufs Spiel zu setzen, wagte er auch nicht, mit seinem Freund über sein Schwulsein zu sprechen. Er war wütend auf sich und hätte sich am liebsten selbst in den Hintern getreten.

*

Nach einem guten halben Jahr ...

war das Abi bereits Geschichte, ebenso Christophs Amerikaaufenthalt. Wie Bolle hatte er sich auf die Staaten gefreut. Leider stand schon der Start unter keinem guten Stern. Nine-Eleven lag zwar mehr als sechs Jahre zurück, aber trotzdem grenzten die Einreiseformalitäten in den USA immer noch an Schikane. Nachdem Christoph am Detroit Metropolitan Airport seinen Koffer zweimal komplett aus- und wieder einpacken durfte, hatte er bereits die Nase voll. Seinen Start im Land der Freien und Tapferen hatte er sich anders vorgestellt. Er wurde von Walter Timmerman, einem entfernten Vetter seines
Vaters, am Flughafen erwartet.

Onkel Walter, Associate Professor am Calvin College in Grand Rapids, Michigan,
beklagte sich ständig ständig darüber, welches Unglück für God's Own Country die Wahl von Clarence Thomas, eines Farbigen, zum Richter am Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, bedeutete.
„Nächstens werden wir vielleicht noch einen Latino oder sogar einen Nigger als Präsidenten haben“, lamentierte er.

Onkel Walter war nicht nur konservativ wie sein Vater, er war reaktionär bis ins Knochenmark. Schwarze waren für ihn schlichtweg Nigger, Cottonpickers oder Meloneaters, Schwule gehörten entweder ins Gefängnis oder in die Klapse, ebenso wie die Befürworter der Pro-abortion-Bewegung. Dass schwule Partner-schaften und natürlich die Homo-Ehe in Michigan durch die Verfassung aus-drücklich verboten sind, fand Onkel Walters ungeteilten Beifall. Diese spezielle Art des American Way of Live hatte Chris nicht erwartet. San Francisco, Key West, Greenwich Village, Chicago Downtown, das hatte er in seiner Unbedarft-heit mit den USA assoziiert. Er war froh, als die sechs Monate herum waren und er zurück nach Good Old Germany fliegen konnte. Nachdem er wieder in Deutschland war, fand er sein Land gar nicht mehr so muffig wie vor der Reise in die Staaten.

Kurz nach seiner Rückkehr aus den Staaten traf er Jan in der Mayerschen Buchhandlung am Westenhellweg in Dortmund .

„Hi, Chris, wie geht’s? Wieder zurück?“ begrüßte ihn Jan fröhlich.

„Wie solls schon geh'n? Musso!“ muffelte Christoph vor sich hin.

„Nur musso, musso?“ echote Jan. „Ey, Mann, was is'n los? War wohl nicht so der Bringer in Amerika?“

„Nicht ganz, war aber ganz nett!“

Jan lachte: „Hört sich nicht so prickelnd an, Chris. Du weißt doch, nett ist die kleine Schwester von Scheiße.“

Christoph lachte etwas gequält und fragte: „Haste Lust auf'n Bier im Alten Markt? Da können wir 'n bisschen quatschen.“

„Gerne.“ Sie gingen beide in das urige Restaurant „Zum Alten Markt“ in der Dortmunder Innenstadt.

„Was darf ich den Herren bringen?“ fragte eine vollbusige Blonde.

„Zwei Hövels bitte“, antwortete Christoph.

„Ist dir doch recht, Jan?“ „Immer, besonders, wenn du zahlst.“

„Okay, okay! Ich mach heute mal den Zahlmops.“

„So, Chris, nun erzähl mal!“

„Da gibt’s nicht viel zu erzählen, Jan. Das halbe Jahr in Michigan war stink-langweilig und ziemlich beschissen. Aus Grand Rapids bin ich fast nie raus-gekommen. Bis auf Ausflüge an den Lake Michigan, Mackinac Island und die Upper Peninsula hab ich von den USA nichts gesehen. Das Calvin College ist eben durch und durch calvinistisch geprägt. Und die Calvinisten gehen zum Lachen in Keller, sagt man jedenfalls. Grand Rapids liegt zwar mitten in Michigan, aber gleichzeitig auch am Arsch der Welt. Na ja, nicht ganz, aber du kannst den von dort aus gut sehen. Und mein Onkel selbst? Forget it! Ein bigotter, langweiliger Spießer wie er im Buch steht. Gegen den ist mein Vater ein Revolutionär. Mit seiner Borniertheit hätte Onkel Walter gut einen WASP abgeben können, obwohl das zu seinen deutschen Wurzeln eigentlich nicht passt. Was ein WASP ist, weißt du ja noch von der Schule her. Ich war froh, als das halbe Jahr vorbei war und freue mich noch mehr, wenn ich in zwei Wochen endlich nach Berlin fahre.“

„Boah,ey, du gehst nach Berlin? Spitzenmäßig! Ich musste ja leider hier bleiben. Dortmund hat ja schließlich auch 'ne Uni.“ Jans Stimme klang nicht fröhlich. „Mein Vater hat endlich seine angepeilte A-12 Stelle beim Garten- und Friedhofsamt bekommen und außerdem sind wir zu Hause vier Blagen. Da ist ein Studium auswärts nicht drin. Ich studiere seit einem Semester Informatik hier an der TU. Eigentlich nicht schlecht, denn die Dortmunder Fakultät für Informatik ist eine der besten in Deutschland. Aber jeden Abend bei Mama und Papa zu Hause? Ätzend, sag ich dir! Was willst du eigentlich studieren, Chris?“

„Was wohl schon? Jura natürlich. Eigentlich wollte ich Medizin studieren, aber mein Alter hat sich durchgesetzt von wegen Familientradition und so. Es war schon schwierig genug, meinen Alten von Berlin als Studienort zu überzeugen.“

„Und warum?“

„Du kennst doch meinen Alten, Jan.“ Christoph grinste schief. „Was der will, setzt er auch durch, jedenfalls meistens. Er wollte auch unbedingt, dass ich in Bonn studiere. Er selbst war da in einer Studentenverbindung, in die ich auch eintreten sollte. Als ich ihm steckte, dass ich keinen Bock auf so 'nen Verein habe ist er fast ausgerastet. Es war übrigens das erste Mal, dass ich mich meinem Ollen gegenüber durchgesetzt habe. Ich bin heilfroh, wenn ich übermorgen auf der Warschauer Allee bin.“

„Ich hab schon gemerkt“, entgegnete Jan, „dass das Verhältnis zu deinen Eltern nicht so prickelnd ist.“

„Nicht so prickelnd? Es ist so gut wie nicht da. Nichts, niente, nada! Mein Alter ist karrieregeil und kennt nur sich. Die Frau Mama gibt zu Hause auch nur Stippvisiten. Ich hab eigentlich nur Anna, unsere Haushälterin, die sich um mich kümmert.“ Christoph zog hilflos seine Schultern hoch.

„Scheißspiel!“ war Jans einziger Kommentar.

„Das kannste wohl wissen. Du glaubst gar nicht, Jan, wie ich dich um deine Familie beneide. Natürlich gibt’s überall mal Zoff, aber bei uns gibt’s noch nicht mal das!“

Nach dem zweiten Hövels zahlte Christoph und beiden verließen den „Alten Markt“. Vor dem Restaurant umarmten sich beide. Christoph kam es vor, als ob Jan ihn festhalten wollte, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein.

„Halt die Ohren steif, Jan!“

„Okay! Aber nur die Ohren?“

„Ferkel! Man sieht sich!“

„Selbst Ferkel, Chris.“ Beide grinsten sich an.

Christoph ging in Richtung Stadtgarten zur nächsten U-Bahnhaltestelle. Er drehte sich nicht um und merkte nicht, dass Jan ihm noch lange nachschaute.

Fortsetzung folgt

Mehr von
Hauke Folkerts

Kommentare

nante: Ein sehr schöner Start dieser Geschichte, lese jetzt den nächsten Teil.
Pascal: Tolle, anregende Story. Da macht das Lesen echt Spaß. Werde gleich Teil 2 lesen.
Klaus : Ich hoffe es geht bald weiter bin schon geil
Ingo Mann: Ich freue mich auf die Fortsetzung

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